Powerplay für ein Bremer Original

Einer Armee eiserner Spielfiguren gleichend, formatiert sich die Mannschaft zu einem letzten Angriff. Nur noch fünf Sekunden verbleiben. Der rote Zeiger tickt unaufhörlich weiter. Mit jedem dumpfen Schlag raubt er dem Publikum den Atem. Die Augen der Spieler fokussieren ihre geballte Konzentration auf den schwarz-glänzenden Puck, der wie ein seidener Schleier lautlos über die Eisfläche zu gleiten scheint. Noch vier Sekunden. Die beiden Flügelspieler schießen, wie die Türme eines Schachspiels, entlang der Seitenbande in die gegnerische Hälfte. Drei Sekunden. Die Nummer 44 bremst vor dem Tor scharf ab und hebt den Hockeystock zu einem zermürbenden Schlag an. Wie rasiermesserscharfe Klingen entstellen die Kufen seiner Schuhe die glitzernde Eisoberfläche. Noch zwei. Mit der Wucht einer Kanonenkugel zerschmettert der Puck die unsichtbare Wand der Abwehrspieler. Das Publikum schreit auf, die Menge jubelt. Und der linke Flügelspieler befördert durch diesen Sieg nicht nur seine Mannschaft an die Spitze, sondern zugleich sich selbst in die Erste Hockey-Bundesliga. Eins…

Doch die Geschichten dieser ruhmreichen Tage gehören einer längst abgeschlossenen Vergangenheit an. Herr Q., der linke Flügelspieler mit der Nummer 44, hat die Spielbank inzwischen gegen eine mit Grünbelag überzogene Holzbank am Lucie-Flechtmann-Platz entlang der Weserstraße, Ecke Heinrich-Bierbaum-Straße, eingetauscht. Wenn er in den späten Morgenstunden von seinem neuen Job als Kurierfahrer heimkehrt, gönnt er sich an diesem Platz einen „Moment der Ruhe vom hektischen Stadttreiben“. „Da ich nachts arbeite, trinke ich mein Feierabendbier halt um 11 Uhr morgens. Immer hier auf diesem Platz“, sagt der sympathische 48-Jährige und lacht.

Von Mülltüten und Boule-Spielen

Benannt wurde der Lucie-Flechtmann-Platz nach der 1850 geborenen Lucie Flechtmann, die unter dem Spitznamen „Fisch-Lucie“ als „Bremer Original“ Stadtgeschichte schrieb. Mit ihrem scharfen Geschäftssinn erkämpfte sie sich eine marktbeherrschende Stellung. Die Fischhändlerin zog auch ihre 17 Kinder groß. Ganz nebenbei. „Ein „Bremer Original“ würde ich den Platz in diesem Zustand nicht nennen“, kommentiert Herr Q. verärgert.

Und Herr Q. hat Recht: als „einladend“ würde man die circa 800 m² große, karge Fläche wohl kaum bezeichnen. Die 22 am Rande gepflanzten Bäume, die 11 Bänke und sorgsam verlegten Pflastersteine wirken trist und erdrückend. Vielleicht liegt das aber auch an den 8 hingeworfenen Mülltüten, den 12 Bierflaschen und den ungepflegten, nach altem Rauch riechenden Gestalten, die hier rumlungern. So mancher Bürger hatte sich bei der Einweihung des Platzes im Jahr 2003 mehr erhofft. Abendliche Boule-Spiele an lauwarmen Sommertagen, zum Beispiel. Jedoch konnte die Stadt ihr Versprechen von „steigender Aufenthaltsqualität“ und „städtebaulicher Verbesserung“ nicht einlösen. An Stelle von Boule, rückten blutige Boxkämpfe zwischen Halbstarken ins Zentrum dieses öffentlichen Platzes. Und so wurden auch die ruhmreichen Pläne und Ideen für den Lucie-Flechtmann-Platz auf Eis gelegt.

200 km/h zu schnell

„So gerne ich meine Zeit auch hier verbringe, wünsche ich mir eine Verschönerung dieses Ortes“, sagt Herr Q. Denn im Leben des ehemaligen Profi-Eishockey-Spielers nimmt der unscheinbare Lucie-Flechtmann-Platz eine wichtige Rolle ein. „Ich bin heute ein glücklicher Mann. Aber wenn ich hier sitze, verarbeite ich auch meine Vergangenheit. Als ich kurz davor stand, mir meinen Traum zu erfüllen“, sagt er mit brüchiger Stimme. Fast zaghaft und behutsam berichtet er von dem einen Augenblick, der Länge eines Atemzuges, der sein komplettes Leben auf den Kopf stellen sollte: Mit gefühlten 200 km/h raste er mit seinem Motorrad in ein vorbeihuschendes Reh. „Fast alle Knochen in meinem Körper waren gebrochen. Ich war für Monate an einen Rollstuhl gefesselt“, erinnert er sich. Es folgten anderthalb Jahre intensiver Therapie und Reha. Nur drei Tage vor seinem schweren Unfall hatte Herr Q. seinen Vertrag mit der Ersten Hockey-Bundesliga unterzeichnet.

Fragt man Herrn Q. nach seinem persönlichen Lebensmotto, so antwortet er: „Man darf nie aufgeben. Selbst nach schweren Schlägen muss man wieder aufstehen und kämpfen. Sein Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen.“ So wie es einst auch Lucie Flechtmann machte. Denn das machen Bremer Originale nun mal.

Photograph by: nflemming
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