Der lautlose Gast

Die majestätischen Eichen haben sich ihrer Last entladen. Ihre Blätter sind durch Wind und Zeit in die Ecken der langen Veranda gejagt worden. Von einer sanften Brise getragen, tanzen einige von ihnen lautlos durch die Sonnenstrahlen der kristallklaren Herbstluft. Vor der Haustür liegen Zeitungen und Briefe, in der Ferne kündigt der verdunkelte Himmel den ersten Schneefall an. Die gewichtigen Wolken wirken bedrohlich. Wo einst Kinderschuhe flüchtige Abdrücke im dichten Gras hinterließen, verwahrlosen jetzt verwitterte Spielzeuge und verrostete Gartengeräte. Die Sonnenstrahlen durchbohren ein letztes Mal die anrückende Wolkendecke und durchfluten die Zimmer des Hauses mit goldenem Licht. Der Moment hält nur für die Länge eines Atemzuges an, um dann unwiderruflich der Gegenwart den Rücken zu kehren.

Im Inneren blättern die Tapeten von den Wandecken ab und kräuseln sich unter der Patina des jahrzehntealten Kaminrauchs. Auf der Fensterbank eine verwelkte Lilie, über dem Kaminsims eingerahmte Erinnerungen einer erfüllten Vergangenheit. Die Stille des Hauses wirkt besänftigend, als hätte die Zeit innegehalten und sich zurückgezogen. Aus der Küche ertönt ein schrilles Klingeln, das sich wie eine ungebrochene Welle unaufhaltsam durch die leeren Flure wälzt. Doch das Telefon findet kein Gehör. Auch die Kaffetassen und Kuchenteller stehen vereinsamt herum, in der Spüle stapelt sich Geschirr. Die Zimmer des Hauses sind des Lebens entleert und doch erfüllt von Geschichten, die wie Gespenster lautlos im Raum zu schweben scheinen.

Im obigen Schlafzimmer ist ein leises Schnurren zu vernehmen. Die alte Katze liegt am Bettende, zu einem grau-schwarzen Fellknäuel zusammengerollt. Ihre verschlafenen Augen schauen immer wieder zum offenen Fenster, ihre Ohren sind rastlos in Bewegung. Die Vorhänge sind bis auf einen dünnen Spalt zugezogen. Die Katze richtet sich langsam auf, streckt sich und tapst unsicher über die Decke zum Kopfkissen. Behutsam streift ihr Kopf entlang der alten Frau, die neben ihr liegt. Ihre glanzlosen Augen sind halb geöffnet, ihre Hände ruhen regungslos auf ihrem Bauch. Die Katze schaut noch einmal nach draußen, rollt sich dann an der Schulter der alten Frau ein und fängt erneut zu schnurren an. Die Wolken haben das Haus nun erreicht und ihr Schatten taucht das Schlafzimmer in Dunkelheit. Und dann ist er auf einmal da: der erste Schnee. Mit jeder Minute fallen mehr Flocken, bis sich die weiße Decke wie ein sanfter Schleier auf Haus und Garten legt. Die Wolken ziehen vorbei und der Himmel reißt zwischenzeitlich auf. Die warmen Sonnenstrahlen fallen auf die Eiskristalle, die wie vereinzelte Sterne am Firmament anfangen zu glitzern. Und in diesem Moment schläft auch die alte Katze ein.

Photograph by: Evan Leavitt
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One response to “Der lautlose Gast

  1. Ich finde die Geschichte ganz wundervoll! Melancholisch schön fiel mir dazu als erstes ein. Tolle Bilder, man ist wirklich mittendrin.

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