Vom getigerten Pinguin mit dem unsichtbaren Tattoo

Am 24.11.2011 lud die Hochschule Bremen Studenten und Studentinnen zum jährlichen International Day in der Werderstraße ein. An über 50 Ständen wurden Informationen zu Auslandssemester und -praktika aus erster Hand ausgetauscht. Dieser Beitrag versucht den Tag aus der Sicht eines kleinen Pinguins zu reflektieren. Eindrücke, Gefühle, Gedanken: Eine Metapher.

Als sich die Studenten aus dem dritten Semester des Studiengangs Internationale Fachjournalistik Vorträge und Power-Point Präsentationen älterer Kommilitonen anhörten, befand sich unter ihnen ein kleiner Pinguin. Doch zu aufgeregt waren die Menschen um ihn herum, um von ihm Notiz zu nehmen. Zu laut der Geräuschpegel, um seine vorsichtigen, tapsigen Schritte zu hören.

Sein neugieriger Blick traf im Meer der Gesichter auf Kreaturen, die er vorher noch nie gesehen hatte. Manche hatten tiefschwarzes Fell auf dem Kopf, das unter den grellen Neonleuchten blau schimmerte. Andere von ihnen waren in lange Stofffetzen gehüllt, die wild umher flatterten, als der Windzug sie erfasste.

Er lief zunächst ein wenig ziellos umher, begutachtete Plakate, Fotos und Karten an den aufgebauten Ständen. Finnland, Kuba, Australien, Südafrika…, Länder von denen er viele Geschichten gehört hatte. Länder, die er aber noch nie geschmeckt, gerochen oder gefühlt hatte. Er kostete von den mitgebrachten Lebensmitteln fremder Kulturen und verbrannte sich am Stand in der Ecke der Turnhalle die Zunge. Nicht etwa, weil das Essen zu heiß war, sondern weil die Schärfe sich wie ein lodernder Lavastrom durch seine Speiseröhre wälzte.

Verärgert und durch den vielen Lärm gestresst, schlich er sich durch die Gänge, bis er auf eine halboffene Tür im zweiten Stock stieß, in der Menschen mit großen Augen auf einen Punkt an der Wand starrten. Manche von ihnen strichen mit einem dünnen Strohhalm über ein rechteckiges Blatt, andere gähnten und streckten sich. Vor ihnen standen drei Studenten. Sie waren ein wenig älter und erzählten von einem fernen Land. Ihre Sprache konnte er nicht verstehen. Neugierig schaute er lieber den Bildern zu, die auf der Wand hinter ihnen erschienen.

Auf dem Ersten war ein großes Tier mit kleinen gespitzten Hörnern, runden Augen und einer glänzenden Nase zu sehen, das mitten auf einer stark befahrenen Straße am Rande saß und dem Geschehen scheinbar keine Beachtung schenkte. Auf dem nächsten erschien ein langer Streifen Sand, der sich wie eine Schlange zwischen dem blauen Ozean und dem angrenzenden Dschungel gen Horizont räkelte. Der kleine Pinguin hätte Millionen von verschiedenen Schneekristallen zeichnen können, die er in seinem Leben beobachtet hatte. Doch er konnte keine einzige Pflanze, kein einziges Tier bei seinem Namen nennen, die er auf diesen Bildern sah. Alles kam ihm fremd vor, außerirdisch und gefährlich. Durch seinen Kopf gingen die Gedanken nicht, sie kreisten und das immer schneller. Bis er schließlich abhob und in die befremdlichen Bilder eintauchte, die wie in einem eingefrorenen Moment regungslos an die Wand projiziert waren.

Bis jetzt hatte er nur sein zu Hause, die Antarktis, gekannt. Als er noch jung war, erzählte ihm sein Vater eine Geschichte von Menschen, die als Tiger wiedergeboren wurden. Menschen, die sich in ihrem Leben vielen Herausforderungen gestellt hatten. Menschen, die oft kurz davor standen zu kapitulieren und aufzugeben, sich jedoch aufrafften und um ihren Platz auf dieser Erde anfingen zu kämpfen. Als Zeichen ihrer Willenskraft, erhielten sie für jede bestandene Hürde einen schwarzen Streifen auf ihrem orange-gelben Fellkleid.

Nach dem Vortrag trat der kleine Pinguin an diesem Nachmittag seine Heimreise in die Antarktis an, freute sich Freunden und Familie von seinem bunten Tag zu berichten. Er erinnerte sich plötzlich wie ängstlich und orientierungslos er sich bei seiner Ankunft an der Hochschule Bremen gefühlt hatte und musste über sich selbst schmunzeln. Er würde ihnen von dem schwarzen Fell erzählen, dass im Neonlicht blau schimmerte. Von dem scharfen Gewürz in der Ecke der Turnhalle und von den bunten Kleidern, die „Sari“ genannt wurden.

Wenn die Geschichte seines Vaters stimmte, dann hatte er sich heute einen schwarzen Streifen verdient. Er würde ins Land der heiligen Kühe reisen und als einziger Pinguin im Dschungel bestimmt stark auffallen. Doch Angst verspürte er keine mehr. Und er stellte sich vor, wie er nach sechs Monaten zurückkehren würde – als getigerter Pinguin. Und auch wenn die Streifen auf seinem unauffälligen Frack niemand sehen könnte, wüsste er, dass sie ein Teil von ihm wären; für den Rest seines Lebens. Wie ein unsichtbares Tattoo.

In seinen Gedanken war er schon längst fort und in diesem Moment realisierte er zum ersten Mal, dass die Reise nicht mit seiner Ankunft in Manipal beginnen würde. Jede Reise, egal wie lang oder fern von der Heimat, beginnt mit der Entscheidung sie anzutreten.

Photograph by: Jan Vermeer

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