Mit Erdöl in die Pfanne gehauen

Die Sensationslust der Medien richtete in Florida mehr Schaden an als die Ölpest selbst. Die Hidden Coast meldet sich nun zu Wort, doch sie weiß genau: Für Entschuldigungen ist es längst zu spät.

Juni 2011 – Die schwüle Frühlingsluft an den Stränden von Gulf Shores, entlang der Nordwestküste Floridas, stinkt nach Abgasen und Motoröl. Touristen und Einwohner haben vor den Männern in gelben Arbeitshelmen das Weite gesucht. Wo einst Kinderschuhe flüchtige Abdrücke im nassen Sand hinterließen, wälzen Bulldozer erbarmungslos die Dünenlandschaft um. Warme Sonnenstrahlen fallen auf die Sandkristalle, die wie vereinzelte Sterne am Firmament anfangen zu glitzern. Aus der Sicht des kreisenden Pelikans sieht der feinkörnige Sand noch aus wie makelloser Schnee. Der neugierige Vogel landet und schaut sich das Spektakel von Nahem an. Links wird gebaggert, rechts wird wieder entladen. Und in der Mitte siebt eine ohrenbetäubende Maschine Korn für Korn die Überreste der schwarzen Ölpest aus dem Sand. Das zermürbende Knirschen und Knattern von Metall auf Metall stellt jedes noch so hart gesonnene Trommelfell auf eine Bewährungsprobe. Spätestens jetzt haut auch der Pelikan ab. Der Lärm ist unerträglich.

Bis vor wenigen Monaten liefen die Reinigungsmaßnahmen in Gulf Shores noch auf Hochtouren. Die Maschinen sind inzwischen abgezogen, doch die Folgen der Ölpest werden noch lange zu spüren bleiben. Im Hintergrund: eine der zahlreichen Bohrinseln entlang der Golfküste.

Bis vor wenigen Monaten liefen die Reinigungsmaßnahmen in Gulf Shores noch auf Hochtouren. Die Maschinen sind inzwischen abgezogen, doch die Folgen der Ölpest werden noch lange zu spüren bleiben. Im Hintergrund: eine der zahlreichen Bohrinseln entlang der Golfküste.

Diese Szene ereignete sich Anfang März 2011. Zwei Monate später zogen die letzten Maschinen nach vollendeter Arbeit ab. Obwohl die Ölpest in den Köpfen vieler bereits vergessen sein mag, bleibt sie gegenwärtiger denn je. Am 22. April 2010 explodierte die Bohrinsel Deepwater Horizon vor der Küste des US-Bundesstaates Louisiana, rund 80 km südöstlich des Mississippi Deltas. Geschätzte 780 Millionen Liter Rohöl strömten über einen Zeitraum von drei Monaten in den Golf von Mexiko. „Es wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis wir uns vollständig erholt haben“, sagt der ökologische Umweltexperte Mark DeHaven vom Senator George Kirkpatrick Marine Lab (SGKML) in Cedar Key, entlang der Hidden Coast Floridas. Im Gegensatz zu Gulf Shores, erreichte das Öl diese Region aber nicht. Doch das wussten damals die wenigsten.

 „Bei uns war kein einziger Tropfen Öl angekommen. Null.

Aber alle dachten das.“

Die Hidden Coast (versteckte Küste), von Cedar Key im Süden bis zum Aucilla River im Norden, ist für ihre atemberaubende und unberührte Natur sowie biologische Vielfalt bekannt. Als Hochburg der Muschelindustrie mit Cedar Key als Zentrum, beliefert diese Küstenregion Restaurants, Geschäfte und Supermärkte in ganz Nordamerika. Durch die Bedrohung des austretenden Öls war die berechtigte Angst vor einer wirtschaftlichen Katastrophe lange Zeit groß. Die Region durfte zunächst aufatmen. Denn lediglich der nordwestliche Teil der Küste Floridas wurde von Öl verseucht. Die gesamte südwestliche Küstenregion entlang der Panhandle (Pfannengriff), zu der auch die Hidden Coast mit ihren Muschelgründen gehört, blieb verschont. Die Freude währte allerdings nicht lange.

Schon die Rezession 2008 traf Floridas Wirtschaft und Tourismus-Industrie hart. Zwei Jahre später setzte die Ölpest noch einen drauf.

Schon die Rezession 2008 traf Floridas Wirtschaft und Tourismus-Industrie hart. Zwei Jahre später setzte die Ölpest noch einen drauf.

Kreuzzug der internationalen Presse

„Unseren Muscheln ging es nie besser! Denn bei uns war kein einziger Tropfen Öl angekommen. Null. Aber alle dachten das!“, erklärt Michael Kuhman, ökologischer Umweltexperte beim SGKML. Im Januar 2011 meldete der Bivalve Bulletin von der University of Florida, dass „bis zum heutigen Tage, keine Anzeichen von Öl in den 39 Krebs- und Muschelgründen vor der Küste Floridas entdeckt wurden.“ Jane Connors, Journalistin und Herausgeberin des Hidden Coastlines Community Magazine in Suwannee vermutet, dass solchen Berichten aber nur wenig nationale oder gar internationale Aufmerksamkeit geschenkt wurden und über diese, für die Region überaus glückliche Nachricht überwiegend nur die Lokalpresse berichtete.

“Alle fünf Bundesstaaten am Golf von Mexiko sind betroffen.”

Für die internationale Presse hingegen, war die Ölpest ein gefundenes Fressen. Der Spiegel berichtete über „die größte Umweltkatastrophe der USA“, der resultierende Medien-Hype glich einem Kreuzzug der Inquisition. In den Folgemonaten nach der Katastrophe zitierte zum Beispiel Focus Online die Deutsche Presseagentur (dpa): „Rund 885 Kilometer Küste sind nach Schätzungen verseucht. Alle fünf Bundesstaaten am Golf von Mexiko (Louisiana, Alabama, Florida, Mississippi und Texas) sind betroffen.“

Folgenreiches Missverständnis

„Die Wirtschaft der Hidden Coast hat stark darunter gelitten, dass die meisten Menschen unter dem Eindruck standen, das Öl hätte auch uns erreicht“, sagt Jane Connors. Die wohl größte Herausforderung der Muschelindustrie bestand in den Monaten nach der Katastrophe im Kampf gegen das verbreitete Missverständnis. Doch es war längst zu spät. „Die Verluste für die gesamte Fischindustrie Floridas werden auf 25 Prozent geschätzt“, so Sarah Criser vom Pressesekretariat des Department of Agriculture and Consumer Services in Florida. Für die Muschelindustrie würden die Einbußen rund 4,6 Millionen US-Dollar betragen, wobei vermutet wird, dass sich zukünftige Verluste um weitere 5 Millionen erhöhen könnten.

Die verträumte Stadt Cedar Key entlang der Hidden Coast: Sie ist nicht nur für ihr auf Stelzen erichtetes Honey Moon Cottage berühmt (Foto), sondern auch für ihre marktführende Stellung innerhalb der nordamerikanischen Muschelindustrie.

Die verträumte Stadt Cedar Key entlang der Hidden Coast: Sie ist nicht nur für ihr auf Stelzen erichtetes Honey Moon Cottage berühmt (Foto), sondern auch für ihre marktführende Stellung innerhalb der nordamerikanischen Muschelindustrie.

Die Befragten sind sich einig: Neben der Berichterstattung über direkt betroffene Gebiete, liegt es auch in der Verantwortung der Medien, Regionen wie die Hidden Coast stärker hervorzuheben, die nur mit dem bloßen Schrecken davon gekommen sind. Jane Connors bringt das Problem auf den Punkt: „Die Medien tendieren in ihrer Berichterstattung oft dazu, Katastrophen zu sensationalisieren. Sie wissen genau welche Themen bei den Zuschauern gut ankommen.“ Die Journalistin verweist jedoch darauf, dass die Schuld nicht allein bei den Medien liegen kann, denn die Rezipienten fühlen sich oftmals gerade dann angesprochen, wenn die Berichterstattung, wie in einem guten Buch, besonders nervenaufreibend und mitreißend ist: „Die Realität kann aber so viel dramatischer sein, als jede fiktive Geschichte.“

Photographs by: Natalia Flemming

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